| Und die Gesellschaft sah weg | ||
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Der Teufel von Chicago’ ist ein Non-Fiction-Thriller Manche Serienmörder gelangen zu zweifelhafter Berühmtheit. Jack the Ripper ist nur eines der schauderhaften Beispiele, wozu manche Menschen fähig sind. Der Thriller des Reporters und wissenschaftlichen Autors Erik Larson ‘Der Teufel von Chicago’ ist ein Non-Fiction-Roman. Wenig Dialoge, Fußnoten wie bei einem wissenschaftlichen Beitrag verringern das Grauen um den Arzt Herman Webster Mudgett als Betrüger und Serienkiller keineswegs. Gerade durch den nüchternen Erzählstil, der ohne blumige Sprache auskommt, verschlägt es einem erst recht den Atem. Denn den attraktiven Protagonisten, der unbedarfte Frauen mit Worthülsen und Geschenken in seinen Bann zog, gab es wirklich. Er war der erste Großstadt-Serienmörder in den USA, der jahrelang unentdeckt sein Unwesen treiben konnte. Erst als eine Klatschbase etwas genauer hinsah und merkwürdige Dinge bemerkte, wurden Ermittlungen angesetzt. Die unfaßbare Story um Wirtschaftskriminalität und Mord spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Chicago zur Zeit der Weltausstellung. Herman Webster Mudgett tat genau dasselbe wie der Kinderschänder Marc Dutroux. Er erschlich sich das Vertrauen der Mächtigen. Auch Mudgett alias Dr. Holmes erwarb sich das Ansehen einflußreicher Personen durch sein gewandtes Auftreten. Wie Geld und Macht korrumpieren, zeigt dieses Beispiel nur allzu deutlich durch die unglaubliche Frechheit der Vorgehensweise. Dezidiert beschreibt der Autor, der mühevolle Recherchearbeit geleistet hat, die Geschäftspraktiken des Dr. Holmes. Wobei Versicherungsbetrug nur eines der harmloseren Delikte darstellte. Gegen Ende des 446 Seiten starken Reality-Thrillers wird die Ermittlungsarbeit durch Detective Frank Geyer 1895 nacherzählt. Auch die Aussagen und Stellungnahmen des Angeklagten werden wörtlich wiedergegeben. Wer den Fall um den als Psychopathen deklarierten Kinderschänder Marc Dutroux mitverfolgte, fühlt sich in der Vorgehensweise und in der Gefühllosigkeit von Mudgett an Dutroux erinnert. Beide besaßen Verließe, Orte des Schreckens, beide sahen sich selbst als Opfer. Beide schoben die Schuld und die Morde von sich. Beide zeigten sich ob der Grausamkeit ihrer Taten und dem Leid der Opfer oder Hinterbliebenen ungerührt. Machtausübung war es, was Mudgett wollte. Der Autor attestiert Mudgett zu Beginn der Ermittlungen auch eine Schadenfreude und Genugtuung, ‘wichtig’ und cleverer als die Polizei zu sein. 1997 wurde in Chicago ein Arzt verhaftet, der im Krankenhaus vier Menschen durch eine tödliche Injektion umbrachte. In einem Notizbuch fand die Polizei einen Querverweis auf H. H. Holmes alias Herman Webster Mudgett. Dieses ‘Vorbild’ wurde übrigens durch den Strang zum Tode verurteilt. Es ist bis heute nicht gewiß, wie viele Menschen er tötete. Der Thriller ist nicht nur ein extrem spannender historischer Abriß über die Industrialisierung, die Weltausstellung sowie über bestialische Verbrechen, sondern auch eine Warnung, sich nicht allzusehr von Versprechungen, Glanz und Geld blenden und locken zu lassen. Vielleicht ist er auch ein Fingerzeig auf die Gesellschaft, die die Augen vor dem Bösen - aus welchen Gründen auch immer - sehr gerne verschließt. ist. Corinna S. Heyn
Erik Larson, Der Teufel von Chicago, S. Fischer Verlag 2004. 447 Seiten, gebunden. |
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