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Otto Sander liest
Robert Musils ‘Drei Frauen’

Raue Stimme - sanfter Klang

Haben Klassiker heutzutage überhaupt eine Zukunft? Die tacheles! Roof Music GmbH sieht es so und legt gleich mehrere Weltklassiker als Hörbücher auf. Darunter Robert Musils berühmte Erzählungen ‘Drei Frauen’, die 1924 in einem Zürcher Verlag publiziert wurden. Musil verfeinerte seinen literarischen Stil damit, der danach in das Opus ‘Der Mann ohne Eigenschaften’ mündete. Musil starb leider bevor er das Mammutwerk beendet hatte.

Mit den Schauspielergrößen Otto Sander und dem gebürtigen Österreicher Christoph Waltz, der zuletzt neben Iris Berben in dem Fernsehmehrteiler ‘Die Patriarchin’ den Bösen mimte, gewann der Bochumer Verlag zwei namhafte Interpreten, die sich ergänzen und ihr Handwerk verstehen. ‘Grigia, Die Portugiesin und Tonka’ sind drei Erzählungen um Frauen und deren Schicksal aus einer fernen Epoche, wo Gleichberechtigung noch ein Fremdwort war. Die kratzige Stimme von Otto Sander erklingt sehr getragen und fließt wie ein breiter dunkler Strom unaufhaltsam dahin. Sander interpretiert den Text, der voll metaphorischer Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen ist, und entführt in eine Welt, die längst vergessen schien. Es ist eine perfekte Symbiose von Sanders dunkler Stimme und den poetischen Sätzen, die erst durch seine Intonation richtig zur Geltung gelangen. Er verleiht Sätzen (aus ‘Grigia’) wie: ‘..wie Schluchten von dunklem Blau’ ‘gugelhupfförmige Welt’, ‘Wolkenböden des Himmels’ ein ganz eigenes Gewicht.

Streckenweise wird es zwar etwas langatmig, doch das bessert sich in ‘Tonka’ mit mehr Lebendigkeit. Ganz anders die Lesung von Christoph Waltz, dessen Aussprache unweigerlich mit der seines ‘Vorgängers’ verglichen wird. Sein Vortrag wirkt etwas hölzern, abgehackt die Worte, das ‘T’ sehr hart und nicht so flüssig und geschmeidig wie bei Sander. In den ersten Minuten klingt die Stimme sehr konzentriert, auch jede Silbe bedacht, so als ob sich Waltz sehr bemüht, Hochdeutsch zu sprechen. Das Tempo ist schneller, die Stimme höher als bei Sander und somit weniger beruhigend. Am interessantesten ist zweifelsohne die letzte Erzählung um Tonka, die sich ohne jede Scheu mit weiblichen Strafgefangenen, die sich zugleich als Prostituierte verdingen, umgibt und sie begleitet. ‘Tonka’ ist die einzig ‘richtige’ Frauengeschichte von allen dreien, weil sie sich wirklich nur um Tonka dreht. In den anderen sind die Damen mehr von Männern ersehntes Beiwerk, nicht aber die Hauptpersonen. Ein gelungenes Debüt eines Klassikers !

Corinna S. Heyn

 

Otto Sander und Christoph Waltz lesen‘Drei Frauen’ von Robert Musil.
tacheles ! Roof Music GmbH 2005.
3 CD’s, 3 Stunden und 34 Minuten Laufzeit
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ISBN 3936186782