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Psychologe mit der Kamera
Hommage an Henri Cartier-Bresson

"Alles, was ich zu sagen habe, sagen meine Bilder", hat Henri Cartier-Bresson einmal gesagt. Bei Schirmer/Mosel erscheint zu Ehren des 90. Geburtstages des Fotografen ein Bildband mit 140 Schwarzweißabbildungen. Es ist der siebente Bildband von Bresson aus dem Fachverlag mit einem Essay von Ernst H. Gombrich, einem bekannten Kunsthistoriker und langjährigen Direktor des Warburg Institute in London. "Tête à Tête" heisst der Titel des Buches, in dem Bresson mit seinen eindringlichen Fotos Geschichte schreibt.

Im Laufe seines bisherigen Lebens porträtierte der ehemalige Magnum-Reporter fast alle grossen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Pablo Picasso, William Faulkner, Coco Chanel, Che Guevara und Igor Strawinsky sind nur einige der Berühmtheiten, die Bresson in einer eigenen und wie zufällig wirkenden Art und Weise abgelichtet hat. Doch jedes einzelne Foto ist genauestens und nach bestimmten Regeln komponiert. Bresson erforschte und verwendete eine Vielzahl an Posen. Die Spannung der Aufnahmen wird durch die Wahl des Hintergrundes noch verstärkt.

Die Personen scheinen meist selbstvergessen oder in ein Gespräch vertieft, aber niemals nehmen sie die klassische frontale Körperhaltung zur Kamera ein. Jedes einzelne Foto ist nur ein Ausschnitt aus einer Wirklichkeit, die Bresson in der abgebildeten Person sah. Der Fotograf passt den richtigen Augenblick ab, in dem das Modell das bewusste Posieren aufgibt und in ein inneres Gleichgewicht zurückfällt. Das zeigt sich sehr deutlich in den Porträts von Marilyn Monroe und Che Guevara. Henri Cartier-Bresson ist ein Psychologe mit der Kamera, der in die Seele eines Menschen blickt. Entgegen den bekannten Bilder mit Sex-Posen der Monroe sitzt auf Bressons Foto eine nachdenkliche, schwarzgekleidete Blondine auf einem Sessel, die gedankenverloren einen schwarzen Hund krault. Den Fotografen hat sie vergessen.

Che Guevara ist einmal nicht als ernster Politiker oder als abgekämpfter Guerillero zu sehen, sondern ausgelassen und fröhlich an einem Tisch sitzend.

Bressons Gabe ist unzweifelhaft die Komposition des Bildausschnitts. Im Vergleich zu seinen Zeichnungen spielt der Hintergrund immer eine tragende Rolle. Das Umfeld unterstreicht den Charakter, die Stimmung oder die Berufung der betreffenden Person.

Alberto Giacometti lichtete er 1961 vor einer eisenbeschlagenen, verwitterten Holztüre ab. Sein zerklüftetes Gesicht mit dem wirren Haar dominiert das Foto und ist von der Seite zu sehen. Unter dem Arm trägt Giacometti ein Bündel Zeitungen.

Bresson beschäftigte sich aber nicht nur mit den schönen Seiten des Lebens. Seine Reportagebilder aus Mexiko, Indien, Kaschmir oder dem Iran zeigen menschliches Elend, allerdings ohne die Würde der Menschen mit seziererischem Blick zu verletzen.

In erschütternden Aufnahmen zeigt Bresson das hässliche Gesicht der Realität im Warschauer Ghetto 1931. Ein blinder, bärtiger Jude, umgeben von Bauschutt bettelt um ein wenig Geld. Die leichte Unschärfe am Kopf verstärkt den Eindruck von Blindheit und bezieht den Betrachter mit ein.

Henri Cartier-Bresson ist unbestritten einer der letzten ganz grossen noch lebenden Fotografen des 20. Jahrhunderts. Sein Lebenswerk ist Zeitgeschichte in einer höchst künstlerischen Form: der Fotografie.

Corinna S. Heyn

 

Henri Cartier-Bresson, Tête à Tête. Mit einem Vorwort von Ernst H. Gombrich. Hardcover mit 144 Seiten und 142 Duotone-Abbildungen. Schirmer/Mosel 1998. Preis: 98 DM.

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© Henri Cartier-Bresson/ Schirmer/Mosel

Den Bildhauer Alberto Giacometti fotografierte Henri Cartier-Bresson effektvoll vor einer verwitterten Holztüre 1961.

 

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© Henri Cartier-Bresson/ Schirmer/Mosel

Der französische Maler, Grafiker und Bildhauer Henri Matisse hatte aus dem Impressionismus den dekorativen Flächenstil entwickelt. Das Foto stammt aus dem Jahre 1944.

 

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© Henri Cartier-Bresson/ Schirmer/Mosel

Jean-Paul Sartre, französischer Philosoph und Schriftsteller, war der Hauptvertreter der Existenzphilosophie. 1964 lehnte Sartre den Nobelpreis ab. Bresson lichtete den grossen Philosophen 1946 in einer raffinierten Perspektive ab.